Korea

Jeju

Es ist 10 Uhr abends, und ich liege in einem Doppelstockbett, das so bedrohlich schaukelt, als befände es sich auf irgendeiner Nussschale, die gerade von einem mittelschweren Taifun durchgeschüttelt wird. Tatsächlich befindet es sich auf der Insel Jeju, deren vulkanischer Boden fest mit dem Grunde des Ostchineneischen Meeres vebunden ist. Ich habe den fatalen Fehler gemacht, mit Martin und Julie zu trinken. Martin und Julie haben natürlich eigentlich koreanische Namen, die Nicht-Koreaner im besten Fall falsch aussprechen und für gewöhnlich einfach sofort wieder vergessen – daher also Martin und Julie. Julie lebt in der Nähe von Seoul und gibt Kochkurse, und manchmal erklärt sie ihren Kursteilnehmern das Brauen von Bier. Martin ist Hobbyfotograf, Freizeitphilosoph und hat einen verfallenen Bungalow in ein Wohnhaus und Hostel verwandelt. Außerdem trinkt er in einem Maße, das einer finnischen Saunagemeinschaft zur dunkelsten Zeit des Jahres die Schamesröte ins ohnehin stark durchblutete Gesicht treiben würde.

Zu einer Zeit als Koreaner nicht ohne Weiteres die Welt bereisen konnten, wurde Jeju zum wichtigsten Touristenziel des Landes ausgebaut. Neben Bettenburgen und einer Unzahl an Museen mit obskuren Inhalten (Teddybären, Sex und Schokolade, zum Beispiel, haben ihre jeweils eigenen Museen gewidmet bekommen) bringt das einen Rundwanderweg um die gesamte Insel mit sich, und jede Menge verwaister Einkaufsstraßen. Urlaub auf Jeju bei Schneesturm und Minusgraden ist etwas, das neben mir wenige andere für eine gute Idee halten. In der Mitte der Insel erhebt sich der Vulkan Hallasan, am östlichsten Ende liegt, etwas abseits, eine Insel namens Udo (was Koreanisch für „Kuh“ ist, mich aber nicht von blöden Witzen abhält), die man in ein paar Stunden mit dem Fahrrad umrunden kann. Ich laufe viel und oft, zu Wasserfällen, Lavasteinformationen, auf Berge und um Inseln herum, und trotz, oder wegen Kälte und Wind liebe ich die raue Schönheit von diesem Haufen schwarzen Gesteins mitten im Meer.

Busan, Ulsan, Gyeongju und Jeonju

Eine Stunde im Billigflieger später, und ich betrete erstmals koreanisches Festland. Die Hafenstadt Busan ist vor allem für ihre langen Strände berühmt, an denen ich mitten im Winter kaum Interesse habe. Ich bin nur auf der Durchreise, entdecke aber das Hafenviertel, in dem Schiffe sozusagen zwischen Autos und Häusern parken, ein Museum über den Koreakrieg, und pflege meine Liebe zum Gimbap, einem Klassiker der koreanischen Küche, der japanischem Sushi nicht unähnlich ist, nur mit mehr Zutaten, und ohne Sojasoße.

Für die nächsten Tage couchsurfe ich in der Industriestadt Ulsan, die von Hyundai erst vor etwa 40 Jahren gegründet wurde. Touristisch gibt es kaum etwas Sehenswertes, dafür ist die Stadt mit ihren gigantischen Werften und Autofabriken aber selbst sowas wie ein lebendes Industriedenkmal. Vom Muryongsan, einem Berg am Rande der Stadt kann man all das bei Sonnenuntergang sehen. Wenn man so wie ich zu spontanen Wanderungen neigt, stellt man hinterher fest, dass es dunkel und kalt ist, und man keine Taschenlampe dabei hat, der Rückweg durch den Wald also nicht die beste Idee ist. Zum Glück finde ich freundliche Koreaner, die mich trotz Sprachbarriere in ihrem Auto (mit Sitzheizung!) mitnehmen und darauf bestehen, mich vor der Haustür abzusetzen.

Gyeongju, etwa eine Stunde mit dem Bus von Ulsan entfernt, ist die alte Hauptstadt und besteht aus Königsgräbern und Tempeln. Auch wenn ich bei jedem neuen Asienbesuch wieder feststelle, dass meine Faszination für buddhistische Tempel nach gefühlten hundert Stück deutlich nachgelassen hat, bin ich froh, den Bulguksa-Tempel ausserhalb von Gyeongju gesehen zu haben. Der Tempel sieht anders, irgendwie koreanischer, aus, als die Tempel die ich in den anderen Teilen Asiens gesehen habe, und liegt mitten in den Bergen.

Die Kleinstadt Jeonju, auf halbem Weg nach Seoul hat das größte erhaltene traditionelle Hanok-Dorf in Korea, und ist für seine exzellente Küche bekannt. Küche bedeutet in Korea keineswegs nur Essen, sondern auch Schnaps. Einmal mehr treffe ich eine Menge Menschen mit mindestens bedenklichem Alkoholkonsum.

Seoul

Der Abschluss meiner Zeit in Korea ist die neonbeleuchtete Hauptstadt, nahe der Grenze zu den Landsleuten im Norden. Das Reisebüro der US-Streitkräfte, USO, bietet Touren an, die Gäste in die 4km breite entmilitarisierte Zone zwischen den Staaten bringen, nach Panmunjeom, wo vor 60 Jahren der Waffenstillstand verhandelt wurde. Als ich ankomme ist es der Wintermorgen wunderschön und klar, die Natur um die Gruppe herum könnte nicht friedlicher sein, und ich stehe in einem Minenfeld, zwischen zwei gewaltigen Armeen, ein GI schwadroniert über Freiheit und Demokratie, während sich nord- und südkoreanische Soldaten über eine (gedachte) Linie im Sand hinweg um die Wette anstarren. Grenzen sind etwas eigenartiges.

Je mehr Zeit ich ich Korea verbringe, desto mehr merke ich, dass Alkoholkonsum Hand in Hand geht, mit dem hohen Preis, den Südkorea für seinen wirtschaftlichen Erfolg bezahlt: Ich lerne einige Koreaner und eine Menge englischsprachiger Lehrer kennen, und alle berichten sie, dass der soziale Druck auf die Koreaner unglaublich hoch ist. Die Gesellschaft ist strikt hierarchisch und verzeiht keine Fehler, nach 12 Stunden bei der Arbeit ist Soju, der traditionelle Reisschnaps, deshalb das beste Ventil, das sich finden lässt. Meine Seouler Trinkkumpanin (überrascht?) Katy, Englischlehrerin aus Schottland, erzählt, wie sie ihre siebenjährigen Schüler nach „Abendessen im Restaurant“ gefragt hat. Die Antwort beinhaltete das Trinken von „schlechtem Wasser“, Umkippen und mit seinem Auto gegen eine Wand fahren. Die höchste Selbstmordrate der Welt und eine beängstigende Alltäglichkeit von Schönheitsoperationen runden die gemischten Gefühle ab. Ich vermute, gerade diese Ambivalenz, zusammen mit den großartigen Menschen, die ich in 3 Wochen getroffen habe, haben meiner Zeit in Korea auf ewig einen besonderen Platz in meinem Herzen eingebracht.

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Elias Verfasst von:

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