Formosa

Der heute kaum noch genutzte Name aus der Zeit als portugisiesche Kolonie ist eine klanglich wie inhaltlich wundervolle Beschreibung der Insel vor der Küste des chinesischen Festlandes, die heute in aller Regel als Taiwan bezeichnet wird. Vor Shanghaier Eiseskälte, Smog und Uniabgaben flüchtend, habe ich die letzten Tage des alten, und die ersten Tage des neuen Jahres dort verbracht.

Wie schon einmal erwähnt, ist der völkerrechtliche Status von Taiwan heiß umstritten. De facto handelt es sich aber um einen souveränen Staat, der Heimat von 23 Millionen Menschen ist. Bis auf wenige Ureinwohner, die heute vor allem in Reservaten ihre traditionelle Kultur aufrecht pflegen, handelt es sich dabei vor allem um Han-Chinesen, die teils schon vor dem Bürgerkrieg auf der Insel lebten, teils zusammen mit den Kuomintang vor der anrückenden Volksbefreiungsarmee geflüchtet sind.

Während meiner 10 Tage stelle ich mir immer wieder die Frage, wieso die Insel als Reisziel eigentlich weitestgehend unbekannt und kein gewaltiger Touristenmagnet ist. Es gibt Strände, gewaltige Berge, eine moderne Hauptstadt mit fantastischen Museen, Nationalparks mit Vulkanen und Dschungel, und all das auf einer Insel die gerade mal so groß ist wie Baden-Württemberg, erschlossen von effizienten Hochgeschwindigkeitszügen und bis in die kleinsten Ecken mit lokalen Buslinien bereisbar.

Taroko-Schlucht

Mein erstes Ziel war die Taroko-Schlucht an der zerklüfteten und eher dünn besiedelten Ostküste der Insel. Die lang gezogene Schlucht ist leider nur durch eine Straße erschlossen, von der immer wieder kurze Rundwanderwege abgehen, zwischen denen man sich nur mit Bus oder Moped bewegen kann. Wenn man seinem Leben hängt und nicht von den örtlichen Taxis überfahren werden will, jedenfalls. Die gigantischen Felsvorsprünge sind trotzdem wahnsinnig beeindruckend, und in Hualien, dem nächsten größeren Ort gibt es außerdem Strand und einen kleinen Hafen. Ich hatte nach 4 Monaten China schon ganz vergessen, wie blau ein Himmel sein kann.

Taipei

Pünktlich zum Jahreswechsel habe ich mich in der Hauptstadt Taipei mit Freunden von Freunden getroffen, die mir nicht nur die Stadt gezeig und ein angenehmes Plätzchen zum Schlafen zur Verfügung gestellt haben, sondern außerdem noch einen Platz mit bester Aussicht auf den Taipei 101-Tower kannten. Die Häuser in Taipei sind, bis auf diesen einen Turm, alle wahnsinnig flach, deshalb ist das vom Turm aus abgebrannte Feuerwerk weithin sichtbar und für die Taipeier ein alljährlicher Klassiker. Das Ganze sah wirklich verdammt cool aus, war nach 10 Minuten zu Ende, und nochmal 5 Minuten später war die eben noch prall gefüllte die Wiese leer. Alle saßen da nämlich schon auf ihren Mopeds und waren auf dem Weg nach Hause. Angetan von soviel gepflegter Ignoranz gegenüber dem alljährlichen Feierdiktat tat ich es den Taiwenesen gleich und verzog mich auch Richtung Bett. Immerhin ging es am nächsten Tag früh raus, in die alten Goldgräberstädte Jiufen und Liuxing. Liuxing ist eine Bahnstrecke, die knapp zwischen zwei Häuserreihen durchführt, an diesem Tag aber vor allem von einer Menschenmenge umgenutzt wurde, die Himmelslaternen mit guten Wünschen in den nächtlichen Himmel steigen ließ. Auf unserer stand etwas von Fahrrädern, die Welt bereisen, Weltfrieden (geht immer) und noch ein paar nicht jugendfreie Sachen.

Am nächsten Tag habe ich gelernt, wie man in Taiwan mit Freunden einen draufmacht. Man geht dafür nicht in eine Bar, sondern zum: Shrimping! Im Grunde ist das ein großes Restaurant, in dessen Mitte sich Bassins befinden, in denen das zukünftige Essen lebt. Gegen eine Gebühr bekommt man eine kleine Angel, wirft aus, und wartet bis Petri einem wohlgesonnen ist und eins der Krustentiere anbeisst. Meine langjährigen Essgewohnheiten (keine Tiere) gingen aus blankem Existenzdruck in China leider schon nach wenigen Wochen über Bord, Garnelen um die Ecke bringen war aber trotzdem zu viel für meine schwachen Nerven. Essen ging dann am Ende irgendwie doch, trotz doppelt schlechtem Gewissen.

National Palace Museum

Als die Kuomintang absehen konnten, dass der Sieg über die Kommunisten vorerst verschoben ist, haben sie sämtliche Artefakte chinesischer Kultur, die sich in der Verbotenen Stadt finden und transportieren ließen eingepackt und mitgenommen. All diese Schätze kann man heute in Taipei bewundern, was ein wirklich faszinierender Zeitvertreib für regnerische Tage ist. Außerdem das erste Mal, dass ich mich für Keramiken, Schmiedearbeiten, Kalligraphien und historischen Schmuck begeistern konnte. Für die historische Einordnung (meine groben Kenntnisse in asiatischer Geschichte reichen gerade mal so 150 Jahre zurück, davor ist das meiste für mich ein großes, schwarzes Loch) sollte ich dennoch mal das eine oder andere Buch bemühen.

Yangmingshan & Xiangshan

Wandern kann man um Taipei herum ganz hervorragend. Es gibt einen Nationalpark um eine vulkanisch aktive Region, entspannt vom Stadtzentrum aus per Metro und Bus zu erreichen, und mit Dschungel in den niedrigeren Regionen und Grasland, Farnen und dampfendem Schwefel weiter oben. Was Sichtweite angeht, bin ich im Moment leider etwas vom Pech verfolgt, deshalb war ich nach zwei Stunden Aufstieg zum wiederholten Male beinahe froh darüber, auf dem Gipfel noch meine eigenen Füße sehen zu können. Trotz (oder wegen) des Nebels, hat es mir die Natur auf dem Weg angetan. Die Wanderwege selbst waren das gepflegte, einspurige Gegenstück zu den chinesischen Touristenautobahnen die die Berge auf dem Festland durchziehen. Der Xiangshan, Elefantenberg, liegt nur ein paar hunder Meter vom Taipei 101 entfernt, praktisch mitten in der Stadt und bietet nach etwa 30 Minuten Aufstieg eine tolle Sicht auf den monolithisch in der Stadt geparkten Turm und den ganzen Rest drumherum. Dieses Mal sogar mit freier Sicht und Sonnenuntergang! Was für ein gelungener Abschied von einer ziemlich tollen Insel.

Nach 2 Stunden Flug wartete Shanghai schon darauf, mir dem erwähnten eisigen Wind und Minimalsichtweite klar zu machen, das Urlaub erstmal vorbei ist. Immerhin: Nur für eine Woche. Dann habe ich meine letzte Abgabe und verschwinde von hier.

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Elias Verfasst von:

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