Xi’an

Meine Zeit in Shanghai neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu, und weil die restliche Welt groß und die Restdauer meines Visums für China klein ist, nutze ich die verbleibende Zeit, um mir mit Xi’an noch einen letzten Reisewunsch in diesem riesigen Land zu erfüllen. Alle anderen Ziele bleiben zu Gunsten von mehr Zeit in anderen Ländern vorerst unbesucht. Ich hoffe die Gelegenheit Chengdu, Yunnan und Hainan zu sehen bekomme ich noch irgendwann.

Xi’an, etwa zwei Flugstunden von Shanghai entfernt, ist vor allem für die Tonkriegerarmee berühmt, die sowas wie ein Eckpfeiler chinesischer Identität ist, und neben der verbotenen Stadt wohl eines der bekanntesten Zeugnisse einer alten chinesischen Hochkultur. Die Tonkrieger sind trotzdem nur einer unter vielen Gründen, die für ein verlängertes Wochenende in Xi’an sprechen.

Huashan Trail

Der Hua Shan gehört zu den 5 heiligen Bergen in China, und ist, wie es sich für eine chinesische Touristenattraktion gehört, bestens auf einen Menschenansturm biblischen Ausmaßes vorbereitet. Meterbreite asphaltierte Wege, zwei Seilbahnen, betonierte Treppen und Geländer: Vieles hier weist darauf hin, dass die Zielgruppe ein gesundes Desinteresse an westlichen Vorstellungen von unberührter Natur und Individualtourismus hegt. Das war nicht immer so: Der Huashan Trail war lange berüchtigt als gefährlichster Klettersteig der Welt, vor allem wegen seiner provisorisch aus Planken gezimmerten Wege, unter denen ein paar tausend Meter blankes Nichts bestaunt werde konnten. Nachdem sich die Todesfälle am Berg häuften, wurden die schlimmsten Passagen aber in den letzten Jahren schrittweise entschärft. Einer der Plankenwege ist immer noch Teil der Strecke, genau wie mehrere senkrecht in den Stein gemeisselte Trittleitern. Diese Teile waren wegen des schlechten Wetters allerdings gesperrt. Merke: Wenn etwas selbst den Chinesen zu heikel ist, muss es wirklich übel sein. Tatsächlich hatten wir die meiste Zeit leider nur sehr wenig Sicht, und in den größeren Höhen sogar Schnee, rutschige Wege und klamme Outdoorkleidung inklusive. Dafür gabs Schneeballschlacht und das, was man durch die Wolkendecke sehen konnte, war beeindruckend. Schnee wertet ja ohnehin jede Wanderung auf. Auf dem Rückweg kam es beinahe zur Katastrophe mit einer Bergbahn, die die ausgeschilderten Fahrzeiten nicht all zu ernst nahm und einen frühen Feierabend machte. Uns drohte also für einen kurzen Moment ein dreistündiger Abstieg bei Dunkelheit auf zugeschneiten Wegen, man erklärte sich aber kurzerhand bereit, uns doch noch mit ins Tal zu nehmen.

Tonkrieger

Die Tonkriegerarmee befindet sich etwa eine Stunde ausserhalb von Xi’an, in eigens über den drei Grabungsstätten errichteten Hallen. Das riesige Mausoleum wird seit über dreissig Jahren freigelegt, aber bisher ist nur ein Bruchteil der in Scherben liegenden Soldaten komplett rekonstruiert. Ich erstarre in Ehrfurcht vor den über 2000 Jahre alten Grabbeigaben und genieße die relative Leere, die in der Mitte der Nebensaison hier herrscht. Man kann fast überall in der ersten Reihe stehen, es gibt kaum Gedränge, nur einige vereinzelte Händler versuchen einem den üblichen Plunder anzudrehen. Am Eingang verkündet ein Schild, dass die „Max Capacity“ bei 110.000 Besuchern liege. Die wird heute wohl nicht erreicht, und selbst der eisige Wind, der übers Gelände pfeift kann meine Freude darüber kaum trüben.

Die Stadt

Auch Xi’an selbst hat einiges zu bieten. Die Stadt hat eine ganz eigene Art von chinesischem Charme, den man in Shanghai so nicht finden kann. Natürlich gibt es auch Industrieanlagen und die gewohnten Wolkenkratzer, aber etwas hier ist anders, irgendwie entspannter, und das gefällt mir ausgezeichnet. Es gibt Hinterhofküchen, kleine Gassen und ein Hostel in einem Hutong. Die Innenstadt ist von einer vollständig intakten, 13km langen Stadtmauer umschlossen, man kann sich gegen eine Gebühr ein Fahrrad ausleihen und damit auf der Mauerkrone eine Runde drehen. Die Sonne scheint ab und zu durch die Wolken. Ich könnte kaum zufriedener sein.

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Elias Verfasst von:

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