Hongkong

Einmal mehr bot es sich an, die eigene Megacity für ein Wochende zu verlassen, um es einer anderen Megacity zu verbringen. Dieses Mal war Hongkong das Ziel des Kurztrips. Weil Flugzeug fliegen jeder kann, und um mein seit 3 Monaten übel geschundenes ökologisches Gewissen etwas zu streicheln, ging es statt zum Flughafen zum Bahnhof Shanghai Süd, wo der Nachtzug nach Shenzhen, um 13:40 losfuhr, um uns, sanft durch die Nacht schaukelnd, am nächsten Morgen um 8 Uhr, 1200km entfernt auf den letzten Metern chinesischer Einflußsphäre vor der Grenze zu Hongkong abzusetzen.

Die Sonderverwaltungszone (nicht zu verwechseln mit den chinesischen Sonderwirtschaftszonen) Hongkong ist formal zwar Teil der VR China, genießt seit der Rückgabe durch Großbritanien im Jahr 1997 unter der Maxime „Ein Land – Zwei Systeme“ aber sehr weitgehende Sonderrechte. Eigene Polizei, Grenzkontrollen beim Übergang aufs chinesische Festland, Linksverkehr und so etwas ähnliches wie freie Wahlen (seit 2014 ein heikles Thema). Auch Google und Facebook funktionieren auf einmal wieder ohne VPN, und zwar in atemberaubender Geschwindigkeit, weil Hongkong für diese Firmen die vorderste Stellung im Kampf um den chinesischen Markt ist. Der Grenzübergang also, ist der Grund, warum der letzte Halt unseres Zuges nicht etwa Hongkong ist, sondern die Grenzstadt und Sonderwirtschaftszone Shenzhen.

Shenzhen

…ist als typisch chinesische Großstadt ohne besondere Geschichte weitestgehend frei von Höhepunkten, bis auf einen: Die Stadt ist Zentrum und Wallfahrtsort der globalisierten Elektronikindustrie. Es gibt eine Straße, die links und rechts von dutzenden gewaltigen Warenhäusern umgeben ist, in denen es an kleinen Ständen jedes erdenkliche Stück Elektronik zu kaufen gibt. Es gibt Geschosse voller ICs, Stände die LEDs in allen Formen und Farben verkaufen, es werden Platinen geätzt, Gehäuse kommen aus 3D-Druckern, Laptops werden zerlegt und wieder zusammen geschraubt, und so weiter. Wer mich ein bißchen kennt, weiß, wie ich durch diese Hallen gelaufen bin und wer mich nicht kennt, kann sich ein dickes Kind im Süßigkeitenladen vorstellen.

Hongkong

Nach einem halben Tag im Paradies für Nerds ging es über die Grenze nach Hongkong, und weiter in unser Hostel. Wir kommen für 4 Tage, wie schon andere Reisende vor uns, in den berühmt-berüchtigten Chunking Mansions unter. Würde man die Bangkoker Backpackerstraße Khao San Rd. übereinander stapeln, die Chunking Mansions wären dem Resultat nich unähnlich. In den unteren Geschossen der 6 notdürftig fusionierten Wohnblocks kann man 100% originale Uhren von Relox und Braitling sowie indisches Essen von zweifelhafter Qualität erstehen, darüber liegen 16 Stockwerke mit Hostels und Guesthouses. Das man hier ohnehin am Liebsten vertikal denkt, sollte ich in den nächsten Tagen noch öfter feststellen. Hostelworld enttäuschte nicht: Unsere Zimmer war zwar schuhkartongroß, dafür aber sauber und ordentlich und von überfreundlichem Personal betrieben.

Hongkong, seit dem ersten Opiumkrieg britische Kronkolonie, konnte sich durch die besonderen politischen Umstände nicht wie andere Städte in die Breite ausdehnen, sondern wuchs in die einzige Richtung, die Platz bot: nach oben. Der Stadtbezirk Kowloon ist, jedenfalls nach Einschätzung des weltweiten Standardwerks für Statistik und Datenerhebung (dem Guinessbuch der Rekorde), der am dichtesten besiedelte Ort der Erde. Die Innenstadt Hongkongs ist die perfekte Metapher für den Moloch einer asiatische Metropole und gleichzeitig wunderbar zugänglich: Durch die vergleichsweise geringe Größe kann man die komplette Stadt erlaufen und die scheinbar chaotische Verkehrsfürung über mehrere Ebenen vergisst nirgends, Fußgängern das Leben so leicht wie irgendwie möglich zu machen. Das kosmopolitische, das Shanghai gern für sich in Anspruch nehmen möchte, löst Hongkong wie selbstverständlich ein: Während man sich in Shanghai als Ausländer immer ein bisschen fremd und wie zu Besuch fühlt, ist Hongkong die wirkliche Weltstadt. Hier ist alles gleich und nichts wirklich fremd. Geschichte ist hier nicht vollständig planiert und überbaut worden, sondern ein lebendiger, gleichberechtiger Teil der Stadt und an jeder Straßenecke in alten Leuchtreklamen, doppelstöckigen Straßenbahnen und bröckeligen Wohnquartieren unter modernen Wolkenkratzern spürbar. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das hier auf einmal jeder Englisch spricht und zivilisiert Auto fährt, macht den Urlaub nur umso entspannender.

Trotz des immensen Siedlungsdrucks, die Häuser in den neueren Vororten erinnern eher an Bienenstöcke oder Borg-Kuben, leistet man sich um die Stadt herum großzügige Naturschutzgebiete mit Wanderstrecken und Stränden, deren Unantastbarkeit niemand ernsthaft in Frage stellt. Eine Stunde mit dem Kleinbus, und ich laufe über gepflegte Wanderwege und kann das Meer sehen. Außerdem besuche ich das hervorragende History Museum, das die Geschichte der Stadt von Frühbeginn an mit viel Liebe und begehbaren Exponaten aufarbeitet und die Australian Dairy Company, ein auch bei den Locals beliebter Imbiss, bei dem sich weder Speisekarte, noch Personal und Mobiliar seit spätestens der Kubakrise nicht mehr geändert haben dürften. Vom einer Antennenstation am Victorias Peak aus gucke ich abends auf Hafen und Skyline, und meine Mitstudentin und Reisebegleiterin Laura hat sogar an Büchsenbier gedacht. Traumurlaub kann so einfach sein.

Während ich das tippe sitze ich im Zug zurück nach Shanghai, draussen zieht die Realität der Volksrepublik vorbei, und irgendwie wirkt hier alles auf einmal viel öder und trister als vorher. Der sozialistische Charme, den diese Seite der Grenze versprüht, ist mir vorher auch gar nicht so sehr aufgefallen. Hongkong wird mir fehlen. Nur das klaffende Loch, das die Stadt einem in rasanter Geschwindigkeit ins Portemonaie brennt, das wird mir nicht fehlen.

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Elias Verfasst von:

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