Nanjing

Ich war schon letztes Wochenende in Nanjing, habe es aber bisher nicht geschafft, mal ein bisschen was dazu zusammen zu schreiben. Dies sei hiermit nun nachgeholt!

Nanjing liegt, mit dem wirklich hervorragenden Schnellzug, etwa 1,5 Stunden von Shanghai entfernt. Die Stadt hat mehr als einmal mit Beijing den Rang der Hauptstadt getauscht, dem Chinesischkundigen (und in diesem seltenen Falle auch mir als, ähm, weniger Kundigen) wird das schon am Namen deutlich: Beijing heisst wörtlich übersetzt „Hauptstadt im Norden“, Nanjing folgerichtig „Hauptstadt im Süden“. Wer also mal geballte chinesische Geschichte zu spüren bekommen will, ist hier genau richtig. In der Zeit nach dem Umsturz der Monarchie war Nanjing bis zur japanischen Invasion und der anschliessenden Machtübernahme durch die Kommunisten Hauptstadt, und ist es nach Ansicht der Koumintang in Taiwan bis heute.

Um das etwas greifbarer zu machen, sei hier ein sehr kurzer Ex- und Crashkurs in chinesischer Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingeschoben: 1911 fiel die 2000 Jahre alte chinesische Kaiserherrschaft einer Revolution zum Opfer. Das Sagen im Land hatten von da die neue republikanische Einheitspartei Koumintang unter Präsident Sun-Yat-Sen. 1927 weitete sich der Konflikt mit der aufstrebenden Kommunistischen Partei bis zum Bürgerkrieg aus, die KP wurde im Langen Marsch beinahe vollständig aufgerieben, schaffte es am Ende aber dennoch, die Macht im Land zu übernehmen. Die Koumintang zogen sich in die einstige Provinz Taiwan zurück, wo sie bis in die 1990er als antikommunistische Militärdiktatur herrschten, die mittlerweile in einen demokratischen Staat umgebaut wurde. Auch das denkbar schlechte Verhältnis zum grossen Nachbarstaat China entspannt sich seit einiger Zeit zusehends.

Vieles aus der Zeit der Koumintang kann man in Nanjing besichtigen, so zum Beispiel den Präsidentenpalast und das Grab von Revolutionsführer und Präsident Sun-Yat-Sen. Es gibt eine alte Stadtmauer aus der Kaiserzeit und einen Berg mit Observatorium auf der Spitze, das es schon seit ein paar hundert Jahren gibt. Nanjing ist im Vergleich zu Shanghai etwas kleiner, überschaubarer und fühlt sich ländlicher an (will sagen: Es gibt Gebäude mit weniger als 20 Geschossen). Eine tolle Abwechslung zu dieser Megacity hier, in jedem Fall. Die Luftqualität pendelte am Wochenende meines Besuchs irgendwo zwischen schrecklich und grauenvoll, auf den Fotos kann man das gut erkennen, in Shanghai war es zu der Zeit aber wohl ähnlich schlimm.

Etwas ausserhalb der Innenstadt liegt die Jangtsebrücke der Stadt, eines der ersten Grossbauprojekte Chinas nach der Revolution und ohne sowjetische Unterstützung. Genau diesen sozialistischen Charme hatte ich mir erhofft, als ich den Umweg zum Teil meines Sightseeingprogramms machte, und ich wurde nicht enttäuscht. Der Hafen, der die Brücke umgibt und die beschränkte Sichtweite taten ihr übriges. Als Fan von Sachen, die normalerweise nicht ganz oben im Reiseführer stehen kam ich also voll auf meine Kosten. Die Brücke hält ausserdem einen traurigen Weltrekord als Ort mit den meisten Suiziden pro Jahr. Die riesigen Umbrüche in der chinesischen Gesellschaft haben daran sicher eine gewisse Mitschuld. Es gibt eine Doku namens „Angel of Nanjing“ über einen Freiwilligen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Selbstmörder vom Springen abzuhalten, die an dieser Stelle empfohlen sei.

Letzte Station war für mich das Memorial des Massakers von Nanjing durch die japanischen Besatzungstruppen im Jahre 1938. Das Memorial ist erste Priorität auf der To-Do-Liste chinesischer Reisgruppen, entsprechend gut besucht ist das riesige Gelände. Die Aufarbeitung ist teils sehr gut, gewisse Anleihen an Yad Vashem sind nicht von der Hand zu weisen, teils etwas fragwürdig. Die Spannungen, die dieses und andere Kriegsverbrechen zwischen Japan und dem Rest von Asien bis heute hinterlässt sind hier deutlich spürbar. Die Kriegsverbrechen aus der Zeit des zweiten Weltkriegs sind in Japan heute viel weniger präsent als in Deutschland, und nie wirklich aufgearbeitet worden. Das sorgt immer wieder für politischen Sprengstoff mit den einst besetzten Nachbarn. Gleichzeitig versucht das Memorial an vielen Stellen, ein grauenvolles Kriegsverbrechen auf eine Stufe mit dem Holocaust zu stellen, was mir seinerseits etwas aufstösst. Der Besuch hat sich natürlich dennoch gelohnt.

 

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Elias Verfasst von:

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