Hochformat City

Der nächste Wochenendausflug lässt vermutlich noch etwas auf sich warten, denn gerade streckt mich eine gemeine Erkältung nieder, und rechtzeitige Genesung zum Wochenende ist nicht zu erwarten. Der Herbst hat mittlerweile auch Shanghai erreicht, und bald ist der Moment gekommen, an dem ich zum ersten Mal eine Klimaanlage zum Heizen verwenden werde. Das macht man hier im Winter so, habe ich gelernt. Auch ansonsten passiert gerade nicht viel, deshalb dachte ich, ich lasse mal ein paar Fotos aus der Stadt hier, die sich seit meiner Ankunft angesammelt haben, und erzähle ein bisschen.

Mittlerweile habe ich mich ganz gut eingelebt. Menschenmassen nehme ich kaum noch wahr, bin Meister im klangvollen Hochziehen von Naseninhalt und von dern Vorzügen der Hocktoilette überzeugt. Zwei chinesische Kulturleistungen übrigens, deren Vorteile auch westliche Ärzte (und Einhörner) immer wieder preisen, die aber trotzdem noch mit Stigmatisierung und Vorurteilen zu kämpfen haben. Zwei von drei meiner Mahlzeiten enthalten für gewöhnlich Reis, und auch damit lebt es sich mittlerweile ganz hervorragend.

Ein paar Sachen sind leider nicht so überragend, und ich glaube das geht ausser mir noch einigen hier so. Das Wohnheim der Uni ist leider selbst im Vergleich zu Berliner Wohnungen nicht gerade günstig, außerdem beschäftigt es vier Aufpasserinnen, der chinesische Begriff lautet „Ayi“, deren einzige Aufgabe es ist, den Türöffner zu drücken, wenn jemand rein will, nach 12.00 abzusperren (ja, nach 12.00 komme ich nicht mehr in meine Wohnung) und jeden Besucher einer Anmeldeprozedur zu unterziehen, die jedem amerikanischen Post-9/11-Flughafen zur Ehre gereichen würde. Unnütz zu erwähnen, dass keine der Damen (im internationalen Wohnheim) ein Wort Englisch spricht. „Pantomime“ kommt nach diesem halben Jahr auf jeden Fall als Kernkompetenz in meinen Lebenslauf.

Auch hier wirklichen Kontakt zu Menschen, abseits von Small Talk, aufzubauen ist schwer: Man merkt den chinesischen Studenten den jahrelangen Drill zum Auswendiglernen und Leistungsdruck aus allen Richtungen überdeutlich an. Man steht früh auf, lernt, geht zum Unterricht, lernt, schläft und fängt wieder von vorn an. Sport ist das, was hier bereits als „Spass haben“ zählt. Nicht gerade ein Heer von Partylöwen also. Wenn man in der campusnahen Stammkneipe mit dem günstigen Bier eine Gruppe betrunkener Asiaten trifft, kann man sich trotz 25.000 chinesischer Studenten denn auch praktisch sicher sein, dass es sich um Koreaner oder Taiwanesen handelt. Das die englischen Kurse vornehmlich von den Ausländern belegt werden, mit denen man sowieso zusammen wohnt, und eine nicht zu leugnende Sprachbarriere besteht, hilft da sicher auch nicht weiter.

Mittlerweile nehmen auch meine Reisepläne für die Zeit nach dem Semester Gestalt an: Meine Aufenthaltsgenehmigung gilt nur bis Ende Januar (Danke für nichts, chinesische Bürokratie), deshalb werde ich den Februar und wohl auch einen Teil des Januars ausserhalb von China verbringen. Momentan stehen nach Xi’an und Beijing deshalb Korea, Japan und, wenn die Zeit reicht Taiwan auf dem Plan.

Ich lege mich jetzt wieder auf meinen Berg aus Taschentüchern, trinke noch einen Tee und besorge mir morgen ein paar Medikamente, die in Deutschland keine Zulassung erhalten würden.

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Elias Verfasst von:

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