Hangzhou

Fluch und Segen meines Campus am Rande der Stadt ist sein Lage: Am Rande der Stadt. Segen für konzentriertes Studieren und regelmäßigen Sport, Fluch für alles Andere. Bevor mich die Faulheit endgültig überrollte, habe ich mich letztes Wochenende aufraffen können und mich auf den Weg ins 200km entfernte Hangzhou gemacht.

Hangzhou ist mit ca. 7 Mio. Einwohnern nach chinesischem Maßstab eher die Untergrenze dessen, was als Stadt zählt. Anders als Shanghai hat es sich neben einem gewissen historischen Charme auch noch eine zentrale Sehenswürdigkeit bewahrt: Den Westsee, eine seit dem 8. Jhd. von verschiedenen Herrscherdynastien immer weiter ausgebaute Landschaft mit Inseln, Pagoden und Gärten um einen 5 Hektar großen See herum. Der Westsee ist eine der zentralen Sehenswürdigkeiten des Landes, Weltkulturerbe, Rückseite des 1-Yuan-Scheins und der Heilige Gral des chinesischen Wochenendausflugs.

Auf dem Weg nach Hangzhou lernte ich das niedrigpreisige Ende chinesischen Zugverkehrs kennen: Ein Bummelzug für wenig Geld und mit vielen Menschen. Für mich leider nur mit Stehplatz, eingeklemmt zwischen Pappkisten auf der einen, und Obst mampfenden Mitreisenden auf der anderen Seite. Gegen Abend in Hangzhou angekommen ging ich kurz zum See, besorgte mir etwas zu essen und ließ alle anderen Aktivitäten wegen übler Luftverschmutzung und eigentlich grundloser, aber nicht minder rustikaler Nörgelstimmung auf meiner Seite ins Wasser fallen. Bett und Lesen waren da genau das Richtige.

So entnervt wie ich einschlief, so zufrieden wachte ich am nächsten Tag auf: Ausgeschlafen und über den vergleichsweise klaren Himmel erfreut nahm ich die obligatorische Seeumrundung in Angriff. Am See angekommen begrüßte mich der altbekannte Touristenstrom. Ich hatte sowas bereits kommen sehen, ließ den ambitionierten Individualtouristen in mir einen kurzen, schmerzlichen Tod sterben und schloss mich der Karawane an. Gerade als ich anfing, mich an den Andrang zu gewöhnen muss ich wohl versehentlich zweimal links abgebogen sein und hatte einen gewaltigen, gepflegten Park, beinahe für mich alleine. Der in Funktionskleidung gehüllte, mit fotobereiten Smartphones bewaffnete Lindwurm scheint sich keinen Millimeter abseits des Seeufers zu wälzen. Diesen Umstand freudig auskostend verbrachte ich den restlichen Tag im Wechsel zwischen Seeufer und den großzügigen, menschenleeren Parkanlagen drumherum.

Bevor ich mich am nächsten Tag guten Gewissens in den Zug zurück nach Shanghai setzen konnte, wollte ich mir, ohne genau zu wissen was mich erwartet, auf keinen Fall den Qiantang-Fluss in der Innenstadt entgehen lassen. 1 Stunde Fussmarsch (auf der Karte waren es nur 4cm) wurde belohnt: Das Panorama am Flussufer war das einer ganz normalen chinesischen Stadt, entsprechend uninteressant für chinesische Touristen, aber atemberaubend weiträumig für mich. Unnötig zu erwähnen, das ich auch die kilometerlange Uferpromenade nur mit ein paar in der Sonne dösenden Anglern teilen musste.

Auf dem Weg zurück gab es das andere Ende des Spektrums chinesischer Eisenbahnen: Ein Bahnhof, der wie ein gewaltiges Raumschiff wirkt und einen Hochgeschwindigkeitszug mit 300km/h über die Landschaft schwebt, während draussen die Häuserblöcke die bis zum Horizont reichen vorbei fliegen.

Ich sitze nun wieder in meinem Vorort, tippe vor mich hin und freue mich schon auf den nächsten Wochenendausflug. Die Gartenstadt Sozhou steht wohl für eins der nächsten Wochenenden auf dem Plan.

CC BY-NC-SA 4.0 Dieses Werk ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Elias Verfasst von:

Die Kommentare sind geschlossen