Her Majestys Suburb


In China ist seit dem ersten Oktober die „Golden Week“. Eine praktische Erfindung, die allen Chinesen dreimal im Jahr die Gelgenheit, ihre Verwandten zu besuchen und/oder gemeinsam zu verreisen. Ich genieße so lange den Campus, der im Moment ein Pardies für Introvertierte ist. So viel Platz, ganz für mich allein!

Von Anfang an war ich entschlossen, zu dieser Hauptreisezeit einen meilenweiten Bogen um alles zu machen, was auch nur ein bißchen touristisch sein könnte. Um dennoch mal etwas rauszukommen, habe ich heute etwas in Angriff genommen, das schon ewig auf meiner Liste steht.

Sonjiang – Thames Town

Als Reaktion auf die immer schneller werdende Urbanisierung rief die Bezirksregierung von Shanghai etwa im Jahr 2000 ein Konzept mit dem Namen „One City – Nine Towns“ ins Leben. Um Shanghai herum wurden neun Vororte geplant, die für eine wachsende Mittelschicht attraktiven Wohnraum bieten und gleichzeitig helfen sollten, die dichte Besiedlung im Zentrum einzudämmen. Sechs dieser Vororte sollten in ihrem Kern Kleinstädten aus anderen Teilen der Welt nachempfunden sein. Ich konnte nicht herausfinden, wer auf die Idee gekommen ist, und weshalb, stelle es mir aber so vor, dass man bei einer Planungssitzung festgestellt hat, gerade den tausendsten gesichtslosen Zwanziggeschosser durchgewunken zu haben, und auch mal eine Abwechslung zu brauchen. Wenn man also schon im ganz großen Stil Städte errichtet, warum dann nicht auch mal was Lustiges?

Tatsächlich: Um Shanghai herum gibt es Satellitenstädte, die skandinavisch, italienisch, spanisch, kanadisch, deutsch und eben britisch gestaltet worden sind, meist von Architekten aus den jeweiligen Ländern. Ein britischer Vorort, mitten in China? Aha. Das ich mir das angucke stand in der Sekunde fest, als ich das erste mal davon gelesen hatte. Ich weiss nicht mehr genau, was ich eigentlich erwartet habe, denke aber so etwas wie ein paar Straßenzüge mit gusseisernen Laternen. Etwas Überschaubares. Eine Art künstlicher Sehenswürdigkeit, mitten im chinesischen Leben. Das, was ich zu sehen bekam überstieg meine beschränkte Vorstellungskraft bei Weitem: „Die haben hier echt eine komplette englische Kleinstadt hingebaut, oder?“, war die ungläubige Frage, die ich mir die meiste Zeit selbst stellte, als ich durch Thames Town lief. Ja, haben sie. Mit dem Nachbau einer Kathedrale aus Bristol, künstlichen Flüssen, roten Telefonzellen und Aufsehern mit roten Uniformjacken. Sogar das Wetter heute war heute genau so, wie man es in England erwarten würde. Ich vermute das war ein Zufall, aber sicher bin ich mir damit hier mittlerweile nicht mehr.

Gerade heute, in der Golden Week, glich Thames Town im Grunde eher dem lauten und kunterbunten Cousin einer britischen Ortschaft: Es gab Menschenmassen, Seifenblasen, Selfies (Überraschung) und Hochzeitsfotos. Unglaublich viele Hochzeitsfotos. Die Stadt ist ein populärer Hintergrund um sich vor der Hochzeit ablichten zu lassen, und zwar so populär, dass man an markanten Stellen Slalom laufen muss, um nicht mehrere Fotosets gleichzeitig zu ruinieren. Genau das trifft auch den Kern von Thames Town: Es ist eine große Kulisse. Die meisten Geschäfte stehen leer, die Häuser sind zu weiten Teilen unbewohnt, die Fassaden beginnen nach 10 Jahren langsam zu bröckeln, so etwas wie Leben gibt es hier nicht, wenn die Brautpaare und Ausflügler erstmal verschwunden sind.

Wenig besser sieht es in den umgebenden „orthodoxen“ Hochhäusern aus. Wenn Shanghai mit seinen gewaltigen und vertikal wie horizontal endlosen Wohnvierteln bereits dystopisch wirkt, dann wird das Ganze auf hier 11 gedreht, denn hier gibt es das alles auch, nur ohne Menschen. Die Satellitenstädte hatten aus einer Reihe von Gründen nie den Erfolg, den man sich gewünscht hat, und bis heute steht der allergrößte Teil der Wohnungen leer. Vereinzelt sieht man mal ein Geschäft, aber selten Kundschaft. Gerade wenn man glaubt, man habe eine Ahnung, wie China funktioniert, wird man eindrucksvoll eines besseren belehrt.

Der Ausflug in die Vorstadt hat mir in jedem Fall unglaublichen Spass gemacht, und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. So bald ich wieder Zeit habe, werde ich mich ganz sicher den anderen Teilen der Welt (die man von hier aus bequem mit der Metro erreich kann) zuwenden.

 

Kurz in eigener Sache: Ich habe gerade riesige Verbindungsprobleme zu diversen Websites, meine eigene leider eingeschlossen. Eventuell brauchen Updates und Änderungen daher etwas länger, so lange ich das Problem nicht gelöst habe. Ich hoffe vorerst, dass das nur die Sperrinfrastruktur ist, die über die Feiertage hochgefahren wird.

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Elias Verfasst von:

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