Zhujiajiao

Heute wird in China das jährliche Mondfest gefeiert. Für Chinesen bedeutet das: Mit der Familie zusammen kommen um gemeinsam etwas zu unternehmen und sich gegenseitig die traditionellen Mondkuchen schenken (siehe weiter unten). Für mich bedeutet vor allem der erste Teil: Am Besten im Zimmer verkriechen, denn wenn 1,3 Mrd. Chinesen etwas mit ihrer Familie unternehmen, droht vor allem eins: Noch mehr Menschenmassen als ohnehin schon. Diesem Umstand trotzig ins Auge blickend, brach ich mit 3 Mitstudierenden heute früh nach Zhujiajiao auf, einem kleinen, alten Wasserdorf etwa 20km ausserhalb von Shanghai.

Zhujiajiao wird wegen seiner Kanäle zielgruppengerecht auch als das „Venedig Shanghais“ angepriesen, und ist auch wegen des sonstigen Mangels an Authentisch-Altem ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen aller Art. Die erwarteten Menschenmassen enttäuschten denn auch nicht, schon vor dem Dorf begrüßte uns ein riesiger Parkplatz, der randvoll mit Autos, Bussen und gleichfarbig bemützten Reisegruppen war.

Das Städtchen selbst ist eine durchaus ansehnliche Mischung aus alten Brücken, Kanälen, Kähnen zum Mitfahren, sowie den allgegenwärtigen Restaurants, Handwerksläden und Essenständen. Ich hab beschlossen, den Grad an touristischer Erschließung ab jetzt daran messen, wie dicht die Läden mit Selfie-Sticks sind. Auf diese Skala schneidet Zhujiajiao immerhin ganz gut ab: Die allermeisten Läden bieten bieten traditionelles Essen wie in Sesam und Bananeblätter eingewickeltes und gedünstetes Fleisch oder gestampfte Erdnüsse. Ein neu errichteter Starbucks mitten in der Altstadt darf dennoch nicht fehlen.

Wäre es leerer gewesen als heute, hätte ich sicher Freundschaft geschlossen mit dieser eigentlich ganz lauschigen Kleinstadt, die unglaublichen Menschenmassen machten das leider vorerst unmöglich. Vielleicht gibt es ja nochmal eine neue Chance, mit etwas mehr Ruhe.

Bemerkenswert ist im Übrigen auch, dass an hohen Feiertagen und zu wichtigen Veranstaltungen stets die Sonne scheint, und zwar so klar, dass man sich sogar einen Sonnenbrand holen kann, was in Shanghai dank Luftverschmutzung sonst kaum möglich ist. Das ist nicht etwa Zufall, sondern das Werk des Weather Modification Office. Was sich für meine Ohren zuerst anhörte wie eine eher fragwürdige Theorie aus einem esoterischen Eigenverlag, ist in China alltägliche Realiät. Man nutzt vor allem Silberiodid und Trockeneis, um Wolken dort abregnen zu lassen, wo die Partei das vorsieht.

Mondkuchen

…sind Gebäckstückchen mit einem Muster obendrauf, und süßer oder salziger Füllung. Um Austauschstudenten chinesische Traditionen näher zu bringen, wurde von der Uni auch einer an mich versteckt. Drinnen verbarg sich eine süssliche Mischung aus Sesam und Bohnenpaste. Eher nicht mein Fall. (Ich vermute salzige Füllungen wurden den zarten westlichen Gaumen ausnahmslos erspart). Ohnehin werden die Mondkuchen auch von den Chinesen nicht gerade wegen ihres herausragenden Geschmacks gepriesen. Man kauft die nicht für sich selbst, sondern verschenkt sie zu Festtagen. Ist eben Tradition, da muss man durch. Ein bißchen, wie wenn deutsche Omas jedes Jahr zu Weihnachten Mon Cherié an die Verwandtschaft verteilen: Mag zwar keiner essen, aber darum gehts auch gar nicht, denn irgendwie freut man sich trotzdem. Und genau das haben die Chinesen schon vor Jahrhunderten begriffen.

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Elias Verfasst von:

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