SJTU

Nach anderthalb vollgepackten Wochen komme ich jetzt endlich dazu, ein paar Worte über meine Gastuni zu verlieren, die Shanghai Jiao Tong University, kurz SJTU.

Lage

Die SJTU besteht aus insgesamt 5 Campi (Ja, das ist der Plural von Campus. Soll nochmal einer sagen 4 Jahre Latein wären verschwendete Zeit gewesen.), einem kleineren, alten in Xuhui, in der Mitte der Stadt, 3 weitere, die ebenfalls über die Stadt verteilt sind, und einem riesig großen, neuen, in einem Vorort namens Minhang.

Minhang Campus

Ich befinde mich die meiste Zeit zusammen mit rund 30.000 anderen Studenten in Minhang, wo die Ingenieurswissenschaften gelehrt werden. Der Campus wurde ab 1987 auf einer damals noch grünen Wiese errichtet, obwohl die meisten Gebäude deutlich jünger, ich würde so 10-15 Jahre schätzen, sind. Das Gelände ist mit 2,8km² extrem weitläufig. Zum Vergleich: das Tempelhofer Feld in Berlin ist mit 3km² kaum größer. Die Größe kommt vor allem daher, dass zwischen den ohnehin großzügigen Gebäuden noch jede Menge Parks, Seen, Flüsse und Sportanlagen liegen. Anders als in Deutschland wohnen außerdem die meisten Studenten auf dem Campus, was auch bei bis zu 6 Personen pro Zimmer nicht wenig Platz beansprucht.

Minhang kann man ohne Übertreibung als Stadt in der Stadt beschreiben. Der Campus hat 5 gewaltige Mensen, von denen jede ein unüberschaubares Essensangebot hat, ein eigenes kleines Shoppingcenter, zwei Buslinien, eine Autobahn (die allerdings nur, erhöht, mitten durch den Campus verläuft), ein Stadion, ein Schwimmbad mit 50m-Bahnen, unzählige Basketball-, Tennis-, und Fussballplätze und natürlich Tischtennisplatten. Verkehrsmittel der Wahl ist denn auch meist ein Fahrrad, was bei der gewaltigen Zahl von Verkehrsteilnehmern zu ungünstigen Zeiten leider trotzdem zu Chaos führt.

Studieren

Organisationsstrukturen in China wirken auf den ersten Blick zumeist wie eine Mischung aus einer Schnitzeljagd auf einer preussischen Poststation und frühem Dadaismus: Alles wirkt unglaublich durchorganisiert und man gibt sich wirklich Mühe, seinen Job so gut wie möglich zu machen, gleichzeitig erhält man aber auf die selbe Frage von zwei verschiedenen Personen drei verschieden Antworten und es sind für gewöhnlich entweder alle, oder niemand zuständig. Meistens niemand. Oder jemand, der gerade nicht da ist. Um sich für Kurse anzumelden gibt es beispielsweise vier verschiedene Onlineportale, die allesamt nur auf Chinesisch sind, was einiges an Bürobesuchen nach sich zieht. Wenn man dann am Punkt der völligen Verzweiflung angekommen ist, funktioniert am Ende doch alles, und es bleibt nichts Anderes übrig, als sich zu wundern.

Ich habe mich für dieses Semester für zwei Kurse zu IT-Sicherheit, Digital Image Processing und 3D Graphics entschieden. Man merkt hier häufig, dass die Kurse viel weniger auf auswendig lernen und stärker auf wissenschaftliches Arbeiten ausgerichtet sind als bei uns. In fast allen Kursen die ich belege gehört das Lesen von Research Papers und das Schreiben von mehrseitigen Hausarbeiten zur Bewertung. Ich schätze, der Anspruch Wissenschaftler auszubilden ist hier immer noch ein anderer als zu Hause.

Sonst so…

Ich hatte in den letzten Tagen Besuch von Rue und Kathrin aus Berlin, die gerade auf Weltreise sind, und nach Russland und der Monogolei im Moment in Shanghai sind. Schön, so weit weg von der Heimat bekannte Gesichter zu treffen! Gestern war ich Juror und lebende Requisite in einem Auswahlgespräch für die „Students Internation Communication Association“, eine Studentenorganisation, die den Austauschstudenten das chinesische Leben näher bringen und ihnen im erwähnten Organisationsdschungel helfen soll. Scheinbar ist das Ganze so populär, dass sich mehrere hundert Studenten beworben haben. Mein Job war es während der Vorstellungsrunden dabei zu sitzen, Internationalität auszustrahlen, und ab und zu eine Frage auf Englisch zu stellen. Das restliche Gespräch war ansonsten leider auf Chinesisch, aber zum Glück ist eine meiner Kompetenzen, bei völliger Ahnungslosigkeit so zu tun, als wüsste ich ganz genau, was gerade passiert. Hat in jedem Fall enormen Spaß gemacht.

Außerdem war ein Grund für die spärlichen Updates die Tatsache, dass ich mir Gedanken über das Format diese Blogs gemacht habe: Ich schreibe eigentlich ganz gern, tue mich aber etwas schwer, thematisch passende Fotos aufzutreiben, die mir auch noch gefallen. Umgekehrt habe ich mittlerweile einige Fotos, die ich gern teilen würde, zu denen es aber kaum was zu schreiben gibt. Der Kompromiss den ich mir überlegt habe ist, wenn es passt, auch Fotos zu nehmen, die ich selbst nur so mittelgut finde. Für das Bildmaterial, das nirgends reinpasst werde ich dann ab und zu mal Posts ohne großen Text machen.

CC BY-NC-SA 4.0 Dieses Werk ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Elias Verfasst von:

Ein Kommentar

  1. […] deshalb sind wir ganz froh, einerseits Elias auf seinem weit außerhalb liegendem Campus besuchen zu können, sowie den Kontakt zu Sozan aus Münster bekommen zu haben, die uns mit […]

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