Nanxiang

Eine der großartigsten Errungenschaften des Internets ist (neben Katzenvideos für alle) die Tatsache, dass man in jeder noch so fremden Gegend auf ausführliche Erfahrungen anderer Reisender zurück greifen kann. Ich bin ein riesiger Fan von Wikitravel, das jeden gedruckten Reiseführer in Sachen Umfang und Aktualität locker in den Schatten stellt und google jedes meiner Reiseziele bis zum Umfallen.

Manchmal aber stösst man bei der Internetrecherche auf echte Geheimtipps, die einem sonst sicher schnell mal entgangen wären. Als ich dann vor ein paar Tagen auf dem Blog Shaoshi in Shanghai über die Kleinstadt Nanxiang am nördlichen Rand von Shanghai gelesen habe, war sofort klar: Muss ich hin!

Nachdem der gestrige Tag für die Registrierung an der SJTU, Einführungsveranstaltungen und ein Abendessen mit dem fakultätseigenen Willkommenskommitee drauf gingen, habe ich mir den heutigen Samstag genehmigt, um mal ein Päuschen von dieser reizüberflutenden Stadt zu nehmen und mich, vom leicht nieseligen Wetter unbeeindruckt auf den Weg gemacht.

Man könnte Nanxiang als Vorort von Shanghai bezeichnen, aber das würde nahe legen, dass die Stadt zwischendrin mal aufgehört hätte, was eher nicht der Fall ist. Von meinem Campus im Südwesten aus braucht man mit der Metro etwa 1,5h für den Weg quer durch die Stadt, muss dann aber nicht mal mehr weit laufen oder gar mit dem Taxi fahren. Optimale Lage für einen Kurzausflug, also. Man steigt also aus der Metro und erspäht als erstes: Genau, eine riesige Shoppingmall.

Guyi Gärten

Hat man sich den Weg entlang der Geschäfte gebahnt und ist 500m gelaufen, findet man als Erstes die Guyi Gärten, eine klassische Gartenanlage aus der Ming-Dynastie (ca. 1530), die man zum Schnäppchenpreis von 6 Yuan (ca. 80ct.) besuchen kann. Trotz Nieselregen war der Garten recht gut besucht, was am Wochenende gelegen haben mag, es war aber an keiner Stelle unangenehm voll. Im Garten wimmelt es dann von Bambus, Lotus, Teehäusern und kleinen Seen, weswegen ich ohne versehentlich 2 Runden gelaufen bin, was mir erst etwa in der Mitte zweiten Runde aufgefallen sein dürfte. Maximal entspannend, das alles. Für europäische Gärten eher atypisch, in China aber voll okay: Ich habe an 2-3 Ecken Steine aus Plastik gefunden, die einen Lautsprecher enthielten um die Gegend mit traditioneller Musik zu beschallen.

Altstadt

Nicht weit von den Gärten kommt man in den Altstadtkern von Nanxiang, welches rundherum dem restlichen Shanghai zum Verwechseln ähnlich sieht. In diesem inneren Teil kann man sich dann aber auch als Neuankömmling, der es bisher noch nicht aus Shanghai raus geschafft hat vorstellen, wie eins der typischen chinesischen Wasserdörfer ausgesehen haben muss. Es gibt Steinbrücken, kleine Kanäle, mehr oder weniger traditionelle Imbisse und vor allem einen verblüffenden Mangel an Selfie-Sticks. Sämtliche Enttäuschung über die Altstadt in Shanghai wurde von diesen paar Straßen locker wieder wett gemacht. Entlang des Kanals der in die Altstadt führt, gibt es außerdem unzählige Spielbuden zu bestaunen, in denen chinesische Senioren beim Mahjong ihr Erspartes auf den Kopf hauen.

Drumherum

Auf dem Weg zurück zum Zug bin ich einen Umweg gegangen und habe das erste Mal auf dieser Reise auch ein anderes China gesehen, als das aufpolierte und neonbeleuchtete Shanghai mit seinen riesigen Wohnhäusern vermittelt: Bäuerliche, einfache Häuser, kleine Läden mit Obst und Gemüse, im direkten Gegenüber mit gigantischen Hausbauprojekten, die jetzt schon kaum noch ausgelastet sind. Spannend! Ich hoffe, von diesem Kontrast und diesem anderen China bekomme ich mehr zusehen, so bald ich Zeit habe, mich weiter aus der Stadt heraus zu bewegen.

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Elias Verfasst von:

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