Aufbruch

Die Wohnung ist geputzt, die Flugtickets ausgedruckt, das Hostel für die ersten Tage ist gebucht, und ich sitze hier und habe das Gefühll, mit Sicherheit irgendwas Wichtiges vergessen zu haben. Auch kreative Krisenszenarien wie „Kredit- und EC-Karte funktionieren plötzlich nicht mehr“ (haben sie bisher immer getan) oder „Ich habe irgendeine exotische Krankheit, von der ich nichts weiss, die mich aber durch den obligatorischen Gesundheitscheck fallen lässt“ (ich erfreue mich bester Gesundheit) ziehen wie Attraktionen in einer Geisterbahn immer mal wieder am inneren Auge vorbei, aber die große Abreisepanik hat sich bisher dennoch nicht eingestellt. Irgendwie habe ich wohl immer noch nicht ganz realisiert, dass ich für ein halbes Jahr nicht mehr hier sein werde. Ich bin gespannt, was ich vergessen habe, und noch gespannter darauf, was mir als Erstes fehlen wird.

Draussen regnet es, und obwohl es in den letzten Tagen brütend heiß war, bekommt man ein bißchen das Gefühl, es wird langsam Herbst. Immerhin: In Shanghai sind es gerade 27°C, ich kann die kurze Hose also gleich anbehalten, und vielleicht wird es dort ja auch gerade Herbst. Shanghai liegt zwar auf dem selben Breitengrad wie Kairo (das habe ich eben recherchiert), was aber nichts daran ändert, dass es im Winter um die Null Grad werden. Schnee fällt fast nie. Also eigentlich genau wie in Berlin.

Ein bißchen vorfreudig bin ich schon, auf ein halbes Jahr Luftveränderung (metaphorisch. Die tatsächliche Luftveränderung wünscht sich vermutlich niemand), und bin gespannt, wie viel Nützliches von einem Jahr Chinesischunterricht übrig geblieben ist. Ich rechne fest damit, meine Kenntnisse in die Kategorie „Hat sich bemüht“ packen zu können, so bald ich beginne mit dem ersten Taxifahrer zu verhandeln. Die größte Vorfreude löst trotz allem der Gedanke an den Flug aus, was angesichts der Tatsache, dass man mit wenig Beinfreiheit in einem Reisebus mit Tragflächen eingeklemmt ist, schlechte Filme auf zu kleinen Monitoren sieht, Mikrowellenessen aus kleinen Plastikschälchen kratzt und sowieso die meiste Zeit nichts sieht erstmal widersinnig klingt. Was ich trotz Allem so daran mag ist das Gefühl von „Dazwischen“. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, alles, was man vergessen hat, hat man eben vergessen, und all die Organisation, die Entscheidungen und die Improvisationen der Reise liegen noch vor einem. Man kann nichst tun, ausser sich in seinem Sitz zurück zu lehnen, den nächsten Hollywoodstreifen anzuklicken, dem Nachbarn ein Nüsschen aus der 25g-Packung anbieten und warten.

Mir bleibt heute wenig Anderes, als meiner Wäsche beim Trocknen zuzusehen, zu hoffen, das alles in den Koffer passt und gespannt auf die neuen Katastrophenszenarien zu warten, die vor dem Schlafen gehen sicher schon auf mich warten.

 

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Elias Verfasst von:

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